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„Das Körperbewusstsein der Jungen stärken“

Der Salzburger Facharzt für Orthopädie Dr. Hofmann im Interview mit Salzburg 24 Andrea Dockter MA

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Auch Kinder und Jugendliche haben ihr Kreuz mit dem Kreuz. Neben angeborenen Erkrankungen wie Skoliose (Verkrümmung der Wirbelsäule), sind auch muskuläre Schwächen ausschlaggebend für Haltungsschäden und schmerzhafte Rückenbeschwerden. Wir haben bei Dr. Florian Johannes Hofmann nachgefragt, worauf Eltern bei ihren Kindern besonders achten sollten.

Diverse Studien zeigen, dass sich in den letzten 40 Jahren die Anzahl der Menschen mit Rückenbeschwerden verdoppelt hat. Kinder und Jugendliche sind davon nicht ausgenommen. Die Diagnose ist für Eltern und Ärzte meist schwierig, denn die Gründe können von Bewegungsmangel über Wachstumsschmerzen bis hin zu einer angeborenen‌ Erkrankung reichen.

Dr. Florian Johannes Hofmann ist Facharzt für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie in Salzburg und spricht mit uns über das Volksleiden Nummer Eins: Rückenschmerzen. Immer mehr Kinder und Jugendliche sind betroffen und es liegt nicht nur an einer schweren Schultasche. Welche Rolle exzessives Sporttreiben und moderne Tragesysteme wie das Tragetucher dabei spielen können und warum Eltern ihren Nachwuchs zu mehr Bewegung motivieren sollten, klärt er mit uns im Interview.

Wie häufig sind Rückenbeschwerden und Wirbelsäulenerkrankungen bei Kindern?

Ich merke bei Kindern und Jugendlichen leider einen Aufwärtstrend was Rückenbeschwerden betrifft. Das rührt in erster Linie an zu wenig Bewegung, der falschen Sitzhaltung vor dem Computer, dem gesenkten Blick auf das Handy und dem daraus resultierenden typischen Geierhals – auch Handynacken genannt. Die Folgen sind Haltungsprobleme und strukturelle Veränderungen an der Wirbelsäule. Bei Beschwerden klärt ein Orthopäden erstmal ab, ob es sich womöglich um eine angeborene Erkrankung handelt. Das kann zum Beispiel eine angeborene Verkrümmung der Wirbelsäule sein oder der sogenannten‌ Gleitwirbel. Rund 5-6% der Kinder leiden unter dieser Wirbelsäulenerkrankung. Je nach Diagnose wird dann die passende Therapie gefunden.

Was ist unter einem ‘Gleitwirbel’ zu verstehen?

Wenn der Wirbel von seiner üblichen Position verrutscht und quasi nach vorne gleitet, dann kommt es zu einer Unterbrechung im Wirbelbogen. Die Betroffenen leiden unter starken Schmerzen und sind in ihrer Bewegung eingeschränkt. Der Gleitwirbel ist entweder angeboren oder kann bei der Ausübung von Leistungssport, wie Kunstturnen oder Ballett, entstehen. Durch die Überstreckung des Kreuzes kann der Wirbel rutschen und einen Nerv einklemmen.

Thema Leistungssport: Wie viel Sport ist für Kinder im Wachstum wirklich gesund?

Um eine einseitige Bewegung bzw. Belastung zu vermeiden, sollten Kinder viele verschiedene Sportarten ausprobieren dürfen. Kommt es zu einer einseitigen Belastung der Muskeln, entstehen auf Dauer Haltungsschäden, welche wiederum Verspannungen und Schmerzen auslösen. Wenn Kinder Leistungssport betreiben, sollte ein Sporttherapeut herangezogen werden. Dieser unterstützt das Kind dabei, einen Ausgleich zur üblichen Tätigkeit zu finden und einer einseitigen Belastung entgegenzuwirken.

Ist die Körperhaltung in Tragetüchern gut für das Baby?

Hier gibt es eine Vielzahl an unterschiedlichen Systemen und Tragevarianten. Das Baby sollte der Natur entsprechend positioniert werden. Das heißt, die Wirbelsäule von Babys hat noch keine S-Form wie bei Erwachsenen, sondern ist C-förmig gekrümmt. Der Körper ist also auf diese typische C-Haltung abgestimmt und dies sollte auch beim Tragen beibehalten werden. Egal für welche Methode sich Mütter und Väter entscheiden, die leicht physiologische Krümmung der Wirbelsäule und die damit verbundene vorgebeugte Haltung, sollte gewährleistetet sein. Es gibt Tragesysteme, mit welchen es zu einer Überstreckung und starken Spreizung im Hüftbereich kommt. Die große Druckbelastung kann hier zu erheblichen‌ Schäden führen.

Wie können Eltern Schwächen an der Wirbelsäule ihres Kindes frühzeitig erkennen?

Eltern können in erster Linie auf Formveränderungen achten. Bei näherer Betrachtung sowie beim‌ Abtasten der Wirbelsäule ist leicht zu erkennen, ob die Wirbel gerade sind oder schief. Wenn sich das Kind über einen längeren Zeitraum über Rücken- oder Hüftbeschwerden beklagt, dann sollte unbedingt ein Arzt aufgesucht werden. Dieser kann abklären, ob es sich um eine Erkrankung handelt oder ob eine aktive Behandlung, durch zum Beispiel Dehnungsübungen, helfen kann.

Bei Babys und Kleinkindern gibt es Entwicklungsstadien, an welchen sich die Eltern orientieren können. Sie geben Auskünfte darüber, ab wann ein Kinder ungefähr sitzen, krabbeln und gehen kann. Hierzu finden sich auch im Internet informative Inhalte, doch man darf natürlich nicht vergessen, dass sich jedes Kind individuell entwickelt.

Welche Maßnahmen können getroffen werden um Rückenprobleme bei Kindern zu reduzieren?

Hier können mehrere Punkte genannt werden. Zum einen können die Eltern das Kind zu mehr Bewegung motivieren und darauf achten, dass sie am Esstisch, Schreibtisch und vor dem Computer richtig sitzen. Bei der Schultasche gilt die Faustregel: max. 10% des Körpergewichts. Zum anderen wird es immer wichtiger, dass auch Schulärzte auf den‌ Bewegungsapparat und etwaige Fehlbildungen achten und die nötigen‌ Schritte einleiten.

Es wäre wünschenswert, dass sich der Fokus auf die Jungen legt und auf ein besseres Körperbewusstsein – wenn ich schon im‌ Kindesalter lerne wie ich gewisse Dinge richtig mache, dann erspare ich mir später das mühsame Umlernen von Bewegungsabläufen, Schmerzen oder sogar Therapien.

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