Skoliose-Therapie: Berg- und Talfahrten auf dem Rücken der Patienten


Ein Beitrag von Theresa Mair – Tiroler Tageszeitung

Interview mit Frau Mag. Astrid Marie Hattmansdorfer, BSc.

https://www.tt.com/artikel/17245431/skoliose-therapie-berg-und-talfahrten-auf-dem-ruecken-der-patienten

Meist in der Pubertät beginnt sich bei vielen, vor allem bei Mädchen, die Wirbelsäule zu verkrümmen. Eine Therapeutin erklärt, warum eine frühe Skoliose-Therapie wichtig ist und weshalb man vor dem Korsett keine Angst mehr haben muss.

Bei Skoliose ist die Wirbelsäule asymmetrisch.© Hattmannsdorfer

In der Physiotherapie-Praxis von Astrid Marie Hattmannsdorfer in Innsbruck steht Kathi und hebt ihr T-Shirt leicht hoch. Die 14-Jährige führt vor, wie ihre Haltung noch vor ungefähr einem Jahr war – nämlich schief. Es sieht so aus, als ob ihr Oberkörper seitlich ein bisschen versetzt auf ihrem Becken aufsitzen würde. Ihre Mutter sei vor etwa drei Jahren darauf aufmerksam geworden.

„Ich habe gar keine Beschwerden gehabt, aber es war schon eine Belastung für mich, weil jeder es sehen konnte“, erzählt die junge Innsbruckerin. Im Winter 2018 stellte ihr Arzt dann die Diagnose: Skoliose. Ihre Wirbelsäule ist in einem Winkel von 23 Grad seitlich verdreht.

Wachstum und andere Irrtümer

Seither geht Kathi bei Hattmannsdorfer zur Skoliose-Therapie. Eine Operation ist bei ihrem Skoliose-Grad kein Thema, doch sie möchte verhindern, dass sich die Wirbelsäule weiter verbiegt.Spezialübungen, z.B. mit Stäben, verbessern die Haltung und verringern die Notwendigkeit einer OP.© Hattmannsdorfer

Bereits Babys können mit einer Skoliose zur Welt kommen, Hattmannsdorfers Patienten sind sechs bis 85 Jahre alt. In den meisten Fällen wird die Verkrümmung in der Pubertät auffällig – vor allem bei Mädchen. Sie sind viermal häufiger als Buben betroffen. Eine Skoliose kann in Zusammenhang mit einer neurodegenerativen Erkrankung oder z. B. nach einem Bandscheibenvorfall entstehen. 80 Prozent sind idiopathische Skoliosen. Das heißt, dass die Ursache nicht bekannt ist. „Die Skoliose tritt zwar während des Wachstums auf, hat aber nichts damit zu tun, dass man zu schnell gewachsen ist und auch gar nichts damit, dass man sich zu viel über das Smartphone beugen würde. Niemand hat Schuld daran“, räumt Hattmannsdorfer mit gängigen Mythen auf.

Sie betont aber auch, dass eine Physiotherapie bei spezialisierten Therapeuten (eine Liste und Infos findet man unter www.skoliosenetzwerkoesterreich.com) gerade in der Wachstumsphase noch viel richten kann, wenn nötig auch in Kombination mit einem Korsett. „Es wächst sich meist nicht von allein aus. Und auch wenn man als Jugendlicher noch keine Beschwerden hat, können diese bei einer fortschreitenden Skoliose dann mit 40, 50 auftreten“, sagt sie. Rücken- und Kreuzschmerzen seien häufig. Bei hochgradigen fortschreitenden Skoliosen besteht die Gefahr, dass Organe wie die Lunge eingeengt werden.„Skoliose kann eine Chance sein, um die Körperwahrnehmung früh zu schulen und auf sich aufzupassen.“ Astrid M. Hattmannsdorfer, Skoliose-Therapeutin© BILEMANG

Auf Augenhöhe mit dem Rücken

Eltern sollten bei ihren Kindern – besonders im Alter von acht bis 14 Jahren – auf Asymmetrien wie einen Schulter- oder Beckenschiefstand und hervorstehende Rippen achten. Auch im Vorneigetest werden Unregelmäßigkeiten gut sichtbar. Dafür müssen sich die Kinder nach vorne beugen. „Wenn man den Rücken nur von oben anschaut, sind sie oft schwierig zu erkennen. Es ist besser, sich hinter das Kind zu stellen und auch hinunterzugehen, um die Wirbelsäule auf Augen­höhe zu bringen.“

Erst dann sehe man links und rechts der Wirbelsäule Unregelmäßigkeiten, wie Rippenberge und -täler oder Lendenberge und -täler. In der Praxis misst Hattmannsdorfer mit einem Scoliometer, das wie eine Wasserwaage funktioniert, den Rotationsgrad der Verkrümmungen.

Um den Schweregrad der Skoliose zu erheben, wird der Cobb-Winkel hinzugezogen. Diesen können Mediziner und geschulte Therapeuten anhand eines Röntgenbildes errechnen. Ab einem Cobb-Winkel von zehn Grad gilt die Skoliose als auffällig, eine Physiotherapie wird angeraten. Ab 20 bis 25 Grad sollte ein Korsett – täglich 16 bis 23 Stunden lang, also auch in der Nacht – getragen werden.

„Moderne Rigo-Cheneau-Korsetts werden heute von der Kassa bezahlt. Die Technik ist besser als früher und man kann sie super kaschieren“, versucht Hattmannsdorfer die Korsett-Angst zu nehmen. Kathi möchte es trotzdem vermeiden.

Dafür macht sie fleißig ihre Übungen. 20 Minuten jeden zweiten Tag gibt die Therapeutin als Minimum vor. Anfangs stand Kathi lange vor dem Spiegel und hat ihre Haltung korrigiert. „Ich weiß jetzt, wie ich sitzen muss, damit ich gerade bin.“ Hattmannsdorfer wendet die Skoliosetherapie nach Katharina Schroth an. „Es ist das wissenschaftlich am besten erforschte Therapiekonzept. Es gibt zahlreiche Studien, die seine Wirkung belegen.“ Diese kombiniert sie mit Ansätzen aus dem motorischen Lernen, bei denen es darum geht, neue Bewegungsmuster im Gehirn zu programmieren.

Für die Skoliose-Therapeutin ist es wichtig, dass die Übungen gut in den Alltag integrierbar sind. Denn: „Die Skoliose soll das Leben nicht bestimmen. Sie kann aber auch eine Chance sein, um die Körperwahrnehmung früh zu schulen und zu lernen, auf sich aufzupassen.“


Skoliose Therapie Innsbruck

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